Warum ich nie wieder dual im Handel studieren würde

Warum ich nie wieder dual im Handel studieren würde

This post is exclusively published in German.

Ich bereue nichts, aber…

Es gibt bisher in meinem Leben nichts, was ich wirklich bereue. Jede Phase hatte ihre Berechtigung und zu jeder Zeit habe ich neue wertvolle Dinge gelernt. Wie sagte Kierkegaard so schön:

“Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.”

Trotzdem würde ich im Nachhinein betrachtet einige Dinge bezüglich meiner akademischen Ausbildung anders machen. Eines davon ist, dass ich nie wieder dual studieren würde – zumindest nicht in Kooperation mit einem Einzelhandelsunternehmen. Meinen Bachelor-Abschluss in Business Administration habe ich in einem der dualen Systeme absolviert, das damals 2010 noch relativ neu war, jetzt jedoch von fast jedem größeren Unternehmen angeboten zu werden scheint. Gereizt hat mich die Arbeit in der Modebranche, das regelmäßige Einkommen und die damit verbundene Unabhängigkeit.

Mittlerweile habe ich noch einen Masterabschluss drauf gepackt und arbeite in einem anderen Betätigungsfeld und einem anderen Unternehmen. Gerade die Erfahrungen während der Bewerbungsphase für diesen neuen Job haben mir allerdings gezeigt, dass das duale Studium doch nicht so eine glorreiche Idee war wie zuerst gedacht. Warum ich nie wieder dual im Handel studieren würde, erzähle ich euch hier:

Die Realität im Einzelhandel

  • Die praktische Erfahrung ist zu einseitig und zählt in anderen Branchen/ Funktionen nicht: Die Praxisphasen im stationären Einzelhandel bestehen primär aus Verkäufertätigkeiten. Das bedeutet Kundenberatung, Warenpräsentation uns im weiteren Verlauf Mitarbeiterführung von Verkaufsmitarbeitern. Heißt auf deutsch: 80% deiner Zeit wirst du zerknüllte Kleidung aus Umkleidekabinen räumen und wieder zusammenlegen. Klingt wenig spannend? Richtig. Viele wichtige Fähigkeiten wie die Erstellung von Excel-Tabellen, SPSS-Auswertungen etc. werden einem stattdessen nicht vermittelt. Tatsächlich habe ich das wichtigste Wissen für meine aktuelle Tätigkeit im Online-Marketing davor während eines halbjährigen Marketing-Praktikums gelernt. Meine fünfjährige Berufserfahrung im Handel war dagegen bei Bewerbungsgesprächen nicht sonderlich viel Wert.
  • Das Unternehmen ist nicht an deiner akademischen Ausbildung interessiert: Gute oder schlechte Leistungen im Studium? Ich habe erlebt, dass das nicht wirklich interessiert. Hauptsache, man benötigt keinen Urlaub zu verkaufsstarken Zeiten (z.B. Adventszeit) zum Lernen. Auch die Verzahnung von Praxis und Theorie, was eigentlich die Stärke eines dualen Studiums sein sollte, fand absolut nicht statt. Es wurde mir nicht einmal ermöglicht meine Bachelor-Arbeit über eine unternehmensinterne Problemstellung zu schreiben.
  • Null Freizeit: Sicherlich ist auch ein Vollzeitstudium an einer Universität sehr zeitintensiv, besonders, wenn man sich noch mit einem Nebenjob über Wasser halten muss. Dennoch ist es möglich, Termine flexibler zu legen, bestimmte Kurse zu wählen oder eben nicht zu wählen. Zeit für die eine oder andere Studi-Party bleibt da sicherlich schon noch irgendwo. Bei einem dualen Studium im Einzelhandel sieht das leider anders aus. Nicht selten habe ich von 9:30 bis 20:00 Uhr (ja, das sind normale Arbeitszeiten im Handel) gearbeitet und danach noch bis in die Nacht gelernt. Einen freien Tag hat man statt am Samstag meist irgendwann in der Woche – genau dann, wenn deine Freunde eben meist nicht frei haben. Und nach einem ganzen Tag auf den Beinen im Verkauf, gerade an einem stressigen Samstag, ist einem meist nicht mehr nach Clubbing zumute. Da möchte man nur noch auf die Couch!
  • Kaum Chancen zur beruflichen Orientierung: Bei einem Studium über ein Unternehmen ist der Werdegang meist schon recht festgelegt. Ich wusste jedoch mit 19 noch nicht, welche Möglichkeiten dort draußen in der großen weiten Welt alle auf mich warten. Während eines Studiums hat man genügend Zeit, dies herauszufinden. Sei es über Kontakte der Hochschule in die Wirtschaft, über Orientierungsmessen oder besonders durch Semesterpraktika. Gerade diese bilden eine tolle Gelegenheit in verschiedene Bereich und Firmen hineinzuschnuppern und sich ein realistisches Bild zu machen.

Ich möchte hier selbstverständlich nicht für jedes Unternehmen sprechen, sondern kann nur meine Erlebnisse schildern. Allerdings habe ich den Eindruck gewonnen, dass viele Unternehmen das duale Studium nur als eine Art Lockmittel zu benutzen, da sie keine Auszubildenden mehr finden. Jeder Abiturient, von denen es auch noch immer mehr gibt, möchte momentan studieren und diesem Trend mussten sich nunmal auch die auf dem Arbeitsmarkt häufig sehr unbeliebten Einzelhandelsunternehmen stellen.

Nichtsdestotrotz möchte ich die vergangenen Jahre nicht missen. Sie haben mich sehr schnell erwachsen werden lassen, mich stressresistenter gemacht und Respekt vor den vielen Arbeitnehmern im Einzelhandel gelehrt. Also Leute, hängt eure probierten Klamotten brav wieder auf den Bügel und hinterlasst keine zerknüllten Haufen in der Kabine!

Bis bald

♡ Kristina

Share:

9 Comments

  1. 2017-11-15 / 19:26

    Krass.. dass das im Einzelhandel so heftig ist! Viele Freunde von mir studieren Dual in der Industrie (Bosch & Co) – null Freizeit trifft da auch zu (obwohl sie natürlich nicht Samstags arbeiten müssen), aber alles andere ist das krasse Gegenteil. So ein duales Studium ist vergleichbar zu meiner Ausbildung, bei der ich wirklich alle relevanten Abteilungen durchlaufen habe und so viel passend zum Studium aber viel mehr noch Soft Skills / z.B. Teamfähigkeit lernen konnte.. und sämtliche Freunde von mir, wurden auch für jede Studienarbeit, Thesis und Co mit einem praxisnahen Thema aus dem Unternehmen unterstützt – finde ich echt schade, dass das bei dir nicht so war 🙁
    Aber immerhin konntest du dann im Master gute Erfahrungen sammeln (?) und hast etwas daraus gelernt – finde ich auch sehr wichtig, dass du das so hier weiter gibst, da die Modebranche / Einzelhandel sicherlich viele Schulabgänger reizt. Kritische Meinungen bei sowas sind immer gut! Und da sieht man mal, wie wichtig die Branchen- und Unternehmenswahl für ein duales Studium ist!
    Ich z.B. würde wenn ich “die Zeit zurückdrehen könnte” direkt Wirtschaftsingenieur im Bachelor bereits studieren und kein BWL und nicht an meiner früheren Hochschule. Allerdings würde ich jederzeit wieder FH vor Uni bevorzugen und das mit dem genauen Studienfach, das ich will, kann ich jetzt ja im Master zum Glück realisieren! Meistens weiß man erst danach, was man lieber gemacht hätte 😀

    Upsi das war ein langer Kommentar! Aber das Thema musste ich mal ausführlich kommentieren 😀

    Hab einen schönen Abend meine Liebe!

    Liebe Grüße
    Joana

    • Kristina
      2017-11-16 / 8:03

      Danke liebe Joana für deinen langen Kommentar, der bestimmt vielen Lesern auch sehr hilfreich ist! Hätte ich das im Vorfeld gewusst, hätte ich auch definitiv eine andere Branche gewählt. Wirtschaftsingenieurwesen klingt übrigens auch sehr spannend! Ich drücke dir die Daumen für deinen Master 🙂
      Liebe Grüße ♡Kristina

  2. 2017-11-15 / 21:30

    Wie krass dass du echt im Verkauf arbeiten musstest. Das ist irgendwie nicht das, was ich unter einem “dualen Studium” verstanden hätte. Ich denke es kommt es einfach sehr aufs Unternehmen an. Und die Realität sieht leider wahrscheinlich so aus, dass es einige wenige gute Unternehmen gibt, die ihre Studenten ordentlich ausbilden und die meisten genauso davon profitieren wollen, wie es bei dir der Fall war.

    Mein ein Master Studium “bereue” ich zwar auch ein bisschen (die Uni war einfach echt schlecht), aber immerhin hatte ich bei meinen Nebenjobs freie Wahl und vermutlich insgesamt auch mehr Freizeit. Aber sowas weiß man ja leider immer erst danach.

    Liebe Grüße
    Jana

  3. 2017-11-16 / 11:19

    So ein schöner Beitrag. Vielen Dank für deine Gedanken und Erfahrungen.

    Viele Grüße und eine fantastische Woche.
    Celine von http://mrsunicorn.de

  4. 2017-11-16 / 18:27

    Jede Erfahrung macht das Leben wertvoller 🙂 Ich arbeite in einem Geschäft wo wir Infrarot Artikel verkaufen und bin sehr zufrieden. Allerdings sind wir auch ein kleiner Laden, ist mit dem Einzelhandel vielleicht nicht so vergleichbar

  5. 2017-11-17 / 12:43

    That is one rule in life, no regrets, as long as it makes you happy. Well if you are too busy with school works, proper time management would help. I love your outfit.

    StyleSprinter Blog by Katya Bychkova

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

* Checkbox GDPR is required

*

I agree/ Zustimmung der Datenspeicherung lt. DSGVO